Unser Pflegeleitbild in der ambulanten Hauskrankenpflege
Jeder von uns hat ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie Pflege zu sein hat. In Gesprächen und bei den Dienstbesprechungen stellte sich immer wieder heraus, dass es hier eine weitgehende Übereinstimmung und somit ein gemeinsames Pflegeleitbild gibt:
In der ambulanten Krankenpflege befindet sich der Patient zu Hause und in den meisten Fällen bei seinen Angehörigen. Unser Anspruch ist eine ganzheitliche Pflege, diese aber setzt eine ganzheitliche Orientierung voraus. Eine ganzheitliche Orientierung an der Person des Patienten, an seiner individuellen Lebenswelt sowie an seiner spezifischen (gesunderhaltenden oder krankmachenden) Lebenssituation ist gegeben.
Auf personaler Ebene bedeutet das, wir orientieren uns direkt am Patienten und sehen ihn als individuelle Persönlichkeit mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Im pflegerischen Bereich pflegen, unterstützen und helfen wir bei bestehenden Gesundheitsproblemen. Kann ein Patient z. B. aufgrund eines starken Tremors nicht mehr selbständig essen, so wird er zunächst nach seinen Esswünschen gefragt. Dann bereiten wir es in einer appetitanregenden Weise zu. Die Mahlzeit wird ihm dann entsprechend seinem Esstempo gereicht.
Ein weiterer Punkt in der Pflege ist für uns auch die Förderung und Aktivierung noch vorhandener innerer Ressourcen. Der Patient, dessen Grundpflege wir übernommen haben, wird, soweit es möglich ist, in den Waschvorgang einbezogen, indem er für ihn erreichbare Körperteile selbst wäscht. Oder ein bisher noch mobiler Patient ist so hinfällig geworden, dass er mit dem Rollstuhl befördert werden muss. In solchen Fällen versuchen wir immer wieder, den Patienten zu aktivieren und kleine Wege zu gehen.
Neben pflegerischen Aufgaben nimmt jedoch die menschliche Seite, der liebevolle Umgang mit dem Patienten im Sinne der christlichen Nächstenliebe, eine besondere Stellung ein. Wir sind darauf bedacht, die Würde des Patienten als Menschen zu erhalten, gleich in welchem körperlichen oder geistigem Zustand er sich befindet. So sprechen wir ihn oder sie immer mit seinem Namen und nicht mit „Oma“ oder „Opa“ an. Wir reden auch mit einem Patienten, der sich im Koma befindet und nach unseren Maßstäben nichts mehr wahrnimmt. Vielleicht gibt es doch noch eine andere Ebene, wo er etwas registriert.
Eine Patientin, die wegen jahrelanger schwerer Erkrankung und damit verbundenen starken Schmerzen beschlossen hatte, nicht mehr zu essen und nur noch geringfügige Mengen an Flüssigkeit aufzunehmen, haben wir sehr ernst genommen. Natürlich haben wir sie auf Folgen und Konsequenzen hingewiesen und versucht, sie davon zu überzeugen, doch etwas zu essen. Wir haben mit den Angehörigen gesprochen und ständigen Kontakt zum Arzt gehalten. Doch die Patientin blieb bei ihrer Entscheidung. Wir haben das akzeptiert und sie auf allen Ebenen so gut es ging gepflegt und unterstützt, um ihr unnötige Schmerzen zu ersparen.
Auf der sozialen Ebene zeigen wir Interesse an der Person des Patienten, an seinem Leben, an seiner Familie und ihrer Beziehung untereinander. Patienten und Angehörige sind meistens gerne bereit, von sich zu erzählen. Sie freuen sich sogar über das Interesse. Dadurch erhält man einen Einblick in das Leben des Patienten, Eigenarten werden verständlicher und man kann besser auf den Patienten eingehen. Angehörige werden, wie bereits erwähnt, mit einbezogen. Sie sind diejenigen, mit denen der Patient umgeht, die oft einen Teil seiner Pflege übernehmen und von denen er abhängig ist. Wir führen Gespräche mit den Angehörigen, beraten sie bei der Pflege oder auch im Umgang mit dem Patienten. Pflegen wir einen Patienten, der im Sterben liegt, so brauchen die Angehörigen oft seelische Unterstützung und Zuspruch.
Wir handeln jedoch immer im Interesse des Patienten. Gibt es Uneinigkeit und Streit in einer Familie, so beziehen wir keine Position, sondern übernehmen nur die Rolle des Vermittlers.
Auf spiritueller Ebene ist auch die Weltanschauung und religiöse Eingebundenheit der Patienten von Bedeutung. Viele ältere Patienten wenden sich mit zunehmendem Alter und infolge von Krankheiten wieder dem christlichen Glauben zu. Insbesondere Patienten, die ihr Ende kommen sehen, möchten kirchlichen Beistand. Hat ein Patient keinen Glauben, so respektieren wir das. Möchte aber jemand z. B. mit dem Pastor sprechen, so unterstützen und fördern wir das und leiten es an die entsprechende Stelle weiter.
Abschließend bleibt noch zu ergänzen, dass wir, die Pflegepersonen, natürlich auch individuelle Persönlichkeiten sind. Jeder hat seine eigene, individuelle Art, mit den Patienten umzugehen. Wir haben eine gemeinsame Pflegeauffassung. Noch mehr aber geben wir als einzelne der Pflege ihre Form und ihre Gestalt, d. h. den Beobachtungsmaßstab und die Art und Weise unseres Handelns.